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"Unter Brüdern"



Das Klavierduo Eduard und Johannes Kutrowatz

Musikfreunde, Oktober 1997

"Brüder haben ein Geblüte, aber selten ein Gemüte", sagt ein deutsches Sprichwort. Und skeptisch rät man in Albanien: "Iss und trink mit deinem Bruder, aber mache keine Geschäfte mit ihm". Die Spruchweisheiten der Völker halten unzählige Sentenzen dieser Art bereit. Kein Wunder, gibt es doch kaum Spannenderes als die Beziehung unter Geschwistern. Zwischen Brüdern herrschen, wie man weiß, oft Kräfte von explosivem Sprengpotential. Nicht selten detoniert das psychogene Pulverfass und reißt unüberwindbare Gräben - gemäß dem Sprichwort der Portugiesen: "Drei Brüder, drei Festungen". Gelingt es freilich, diese Kräfte zu bündeln, sie kreativ umzusetzen, dann kann, unter Brüdern ganz Außergewöhnliches entstehen. Eduard und Johannes sind ein Beispiel dafür.

Die beiden Brüder bilden ein Klavierduo, dessen außergewöhnliche Qualität sich objektiv an den Fakten ihrer Biografie ablesen lässt. 1. Preis in der Sparte Klavierduo beim internationalen Klavierwettbewerb im italienischen Stresa 1986, Auftritte in berühmten Konzertsälen Europas, Konzertreisen nach Japan, Korea und in die USA. Einladungen zu exquisiten Festivals wie der Schubertiade Feldkirch und dem Klavierfestival Ruhr in Deutschland, viel gepriesene Schallplattenaufnahmen...Subjektiv, aus der persönlichen Sicht der beiden ist diese Außergewöhnlichkeit ein Teilaspekt der Brüderlichkeit.
"Wir philosophieren immer wieder darüber", sagt Eduard Kutrowatz, "was eigentlich die Stärke eines Geschwisterpaares ausmacht: Und das ist wohl in unserem Fall der enorme Gegensatz der Persönlichkeitsstruktur, aber auf der Basis einer absoluten Vertrautheit. Dieses Vertrauen erlaubt uns, Gegensätze viel intensiver auszutragen und viel weiter auszuspielen - in dem Wissen, dass wir sie schließlich doch in einem konstruktiven Dialog münden lassen können." Dass dieser Disput zuweilen auch bis zum handfesten Krach eskaliert, bestätigen beide mit einhelligem Lachen. "Ohne diesen Streit, ohne diesen Disput, ohne die Bereitschaft, auch bis an die Grenzen des Gegensatzes zu gehen, wäre letzten Endes auch die höchste künstlerische Vereinigung nicht möglich." Als perfekt aufeinander eingespieltes Brüderpaar verstehen es die beiden sogar, selbst die höchsten Wogen des Affekts termingerecht zu glätten. "Es ist schon vorgekommen", erzählt Johannes Kutrowatz, "dass wir bis eine halbe Stunde vor dem Konzert spinnefeind gewesen sind." Auf dem Podium aber hat sich das Blatt gewendet. Da sucht der Bruder seinen Bruder, und kann er helfen, hilft er gern.

Solche Harmonie gelingt, weil der Konflikt, wie beide betonen, sich stets nur an Fragen der Musik entzündet. Hier freilich können sich die Brüder ungewöhnliche Hitzegrade leisten. "So weit würden wir mit anderen Kammermusikpartnern oder gar mit Sängern auf keinen Fall gehen."
Die zwei wissen, wovon sie reden. Denn - und damit sind wir bei einem weiteren Aspekt ihrer Außergewöhnlichkeit - Eduard und Johannes Kutrowatz sind, jeder für sich betrachtet, mehr als die Hälfte eines Duos. Sie spielen solistisch, pflegen Kammermusik in allen möglichen Formationen, begleiten Sänger, instruieren Studenten, praktizieren die Kunst des Korrepetierens und jene des Dirigierens. "Wir fühlen uns nicht als fachspezifische Pianisten, sondern als Musiker, als Künstler im weiteren Sinn - zumindest ist das unser Ideal", erläutert Johannes Kutrowatz und fügt hinzu, wie sehr es beide freue, wenn ihnen das Publikum und "Gott sei Dank auch auch die Kritik" immer wieder bestätige,"dass man diesen umfassenden Musikergeist auch unseren Interpretationen anmerkt".

Diesem "umfassenden Musikergeist" zuliebe gönnen sich die Brüder eine lange Aufbauphase. Der Partnerschaft am Piano, zu der ihnen die Wiener Klavierprofessorin Renate Kramer-Preisenhammer Mut gemacht hatte, ließen sie Raum zur Entfaltung - und dies auch, nachdem der Sieg in Stresa 1986 das Startsignal zur internationalen Laufbahn gegeben hatte. "Von da an ging´s los", erinnern sich die beiden, "aber nicht, wie man das im Sinne eines `vernünftigen Karriereaufbaus` verstehen würde." Dass die beiden scheinbare Umwege gegangen sind, dass sie - statt sich ausschließlich auf das Feld viermanualigen Tastenkunst zu werfen - auch andere musikalische Gefilde abschritten, erweist sich nun als Glücksfall. Denn nach all diesen Lehr- und Wanderjahren haben sie heute Einsichten in ihre Kunst, die sie im Gespräch nicht weniger faszinierend zu vermitteln wissen als am Klavier.
"Wir haben uns oft gefragt, was eigentlich das Schwierige ist am vierhändigen Klavierspiel", sagt Eduard. "Technisch gehen viele Dinge leicht von der Hand. Aber von der Dichte, von der Komplexität der musikalischen Struktur und schließlich auch von der musikalischen Aussage her ist das Klavierspiel zu vier Händen nur mit der Gattung "Streichquartett" zu vergleichen. Johannes führt das zugespielte Thema weiter. "Für uns sind nicht nur Präzision und Klangbalance wesentlich, sondern auch die Ideale eines Streichquartetts, das heißt, tadellose Stimmführung. Auf uns übertragen bedeutet das: Wenn wir achtstimmige Linien vorfinden, dann muss das Bemühen da sein, auch auf einem so unvollkommenen Instrument wie dem Klavier diese acht Stimmen zumindest spürbar zu machen."

Um eine Partitur so weit wie möglich in all ihren Verästelungen zu erfassen, erprobten die Brüder bei ihrer jüngsten CD-Einspielung mit Brahms´ Ungarischen Tänzen ein besonderes Arbeitsverfahren: Beide studierten jeweils auch den Part des anderen, mit dem Resultat, dass jeder jederzeit den Blick und das Gefühl fürs Ganze hatte. Diese Probeweise, erzählt das Pianistenpaar, werde mehr und mehr zu ihrem Studienprinzip - ein Weg, auf den sich die beiden zielführend ihrem eigenen "gnadenlos hohen Anspruch" nähern, ein Weg auch, der dem verstaubten Klischee von der betulichen Hausmusik "a´quatre mains" nicht die geringste Chance mehr lässt.

Fragt man die aus dem Burgenland stammenden Brüder nach ihrem wichtigsten Lehrer, kommt eine überraschende Antwort: "Franz Schubert ist, wenn man so will, unser wichtigster Lehrmeister. Von ihm haben wir gelernt, was auf diesem abstrakten Schwarz-Weiß der Tasten erst möglich ist - an Klang, an Farbe, an Ausdruck, ganz speziell auch im Zusammenspiel mit einem Partner." Die "Klangimagination" - auch dies eine musikalische Dimension, die Eduard und Johannes Kutrowatz ihrem Lehrer Schubert verdanken - konnten sie beim Erben eines großen Schubert-Interpreten vertiefen. In Freiburg besuchten sie den einzigen Meisterkurs, den Karl-Ulrich Schnabel, der Sohn des legendären Artur Schnabel, in Europa gegeben hat. "Dabei wehte wirklich etwas vom Geist Artur Schnabels herüber. Wir lernten, die Imaginationsfähigkeit zu stärken, mit dem Klang zu spielen und Dinge, die auf dem Klavier eigentlich nicht möglich sind, eben doch zu probieren."

Andere Namen, die im anregenden Diskurs mit dem Klavierduo als Vorbilder genannt werden, ergeben eine bunte Reihe: Dinu Lipatti und Clara Haskil, András Schiff, Oleg Maisenberg und Gidon Kremer, Fritz Wunderlich und Irmgard Seefried, Nikolaus Harnoncourt und Sergiu Celibidache. Was sie verbindet, ist nicht ein bestimmter Stil, sondern ihre grundsätzliche Einstellung zur Musik, eine Haltung, die auch das Musizieren der beiden Brüder prägt. Johannes Kutrowatz fasst dieses Credo in Worte: "Der Mut, Risiko einzugehen. Der Mut, Gefühl zu zeigen. Der Wille und die Hingabe unsererseits, ein Konzert - sagen wir´s ruhig pathetisch - zu einem Fest zu machen."

In diesem Sinne ist für den 28. Oktober ein Fest anzukündigen. Mit einem Duo-Abend, der ganz ihrem Lehrmeister Franz Schubert gewidmet sein wird, gestalten Eduard und Johannes Kutrowatz den Saisonstart unserer Reihe "Podium der Jungen". Ein Abend, der neue Bekanntschaften ermöglicht: Bekanntschaft mit selten gespielten Werken Franz Schubers, Bekanntschaft mit einem außergewöhnlichen Brüderpaar. Denn wie sagt doch das chinesische Sprichwort: Wenn Brüder zusammenarbeiten, verwandeln sich Berge in Gold."

Joachim Reiber



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