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Werner Schulze zu Besuch bei Jenö Takács



Wolfgang Suppan: „Wie kaum ein Kulturschaffender des 20. Jahrhunderts hat Jenö Takács zwei Verhaltensweisen in sich vereint und stets gelebt, die seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr auseinander gedriftet sind: das Eigene und das Fremde. Eben deshalb, weil er bei aller tiefen Verwurzelung in seiner ‚Heimat’, im pannonischen Raum, diesen deutsch-ungarisch-kroatischen Kulturraum nie als das Bessere, das dem Fremden Überlegene gesehen hat, sondern als persönlichen Ausgangs- und Zielpunkt: als starke Basis, die den Sprung in fremde Lebens- und Geisteswelten besonders sinnvoll und erfolgreich werden lässt.“ (Jenö Takács. Festschrift zum 100. Geburtstag, Wien 2002, S. 42)



Weltbürger kontra Fremdbürger


Am 25. September 2002 feierte Jenö Takács, derzeit der wohl älteste Komponist der Welt, seinen 100. Geburtstag. Unsere Universität ehrte ihn mit der Goldenen Würdigungsmedaille, die ihm im Mai dieses Jahres während eines seinem Schaffen gewidmeten Konzertes des Festivals „Klangfrühling“ (Künstlerische Leitung: Eduard und Johannes Kutrowatz) auf der Burg Schlaining überreicht worden ist. Wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag besuchte Werner Schulze, der Jenö Takács seit vielen Jahren kollegial-freundschaftlich verbunden ist, den Jubilar in seinem Haus in Siegendorf, um mit ihm ein Gespräch zum Leitthema dieser Ausgabe des Kunstpunkt zu führen.
Nicht gegebene Interviews sind stärker als gegebene Ich möchte zuerst die vielen Fragen erwähnen, die ich vorbereitet hatte. Sie gehören zum Thema, obwohl – oder weil – Takács sie nicht direkt beantwortet hat, sondern mir ohne Unterbrechung, in einem großen Schwung, aus den ersten 50 Jahren seines Lebens erzählt hat:
- Als du die Würdigungsmedaille der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst erhalten hast, hast du launisch kommentiert: „Spät, aber nicht zu spät!“ Heuer gibt es für dich Ehrungen zuhauf, die Medien berichten, dein Name ist in Konzertsälen im In- und Ausland präsent. Ich blättere in einer Festschrift, die das Verlagshaus Doblinger herausgebracht hat: Der Abschnitt ‚Ein Leben in Bildern’ zeigt auch Photos aus deiner Kindheit. Wie war eigentlich die Zeit damals, in den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts? Welche Musik hast du damals gekannt, welche gespielt?
- Mehrmals im Leben begegnet jedem von uns dieses ‚In die Fremde einziehen’. Es mag sein, dass kreative Menschen öfter mit einer solchen Situation konfrontiert sind. Du kamst als Student nach Wien, als Künstler und Lehrer nach Ägypten und auf die Philippinen, du warst Professor in den USA. Immer wieder neue Lebensumfelder, neue Lebensabschnitte. Entstanden daraus Schwierigkeiten?
- Auf dem von dir organisierten Kongress in Kairo 1932 waren unter anderen Béla Bartók und Erich Moritz von Hornbostel zu Gast. Besonders diese beiden haben dich angeregt, dich auch der Musik fremder Kulturen zu widmen. Die Stabilität der arabischen Musik zum einen, die großen Änderungen in der europäischen Kunstmusik auf der anderen Seite: Gibt es in unserer Musik Entwicklungen, die dir fremd gegenüberstehen, die du nicht verstehst? (In deinem dir typischen Humor hast du einmal die Überschrift eines Zeitschrift-Artikels etwas verändert: Von ‚Junge Avantgarde’ war die Rede, durch Einfügung eines Buchstabens hast du offenbar deine Sicht der Dinge erkennen lassen: ‚Jungle Avantgarde’.)
- Ich kann mir vorstellen, dass du kaum eine ‚fremdere’ Situation erlebt hast wie bei den Igoroten auf der philippinischen Insel Luzon. Bist du ‚fremd eingezogen’, aber als Freund gegangen?
- Du verfolgst interessiert auch das Geschehen an den österreichischen Musik-Universitäten. Sind sie dir fremd geworden in ihrer bewussten Andersheit zur Musikakademie, an der du seinerzeit Student gewesen bist. Du hast vor 80 Jahren bei Joseph Marx Komposition und bei Paul Weingarten Klavier studiert.
- Fremdheit und Heimat. Sieht man in dir einmal weniger den Weltbürger, sondern eher den im burgenländischen Siegendorf Beheimateten: Ist Siegendorf, besonders seit deiner Rückkehr 1970, etwas Spezifisches für dich? Ist es eine Rückkehr zu deiner ursprünglichen Verwurzelung, ist Siegendorf dein Zuhause im eigentlichen Sinn?
- Nun bist du 100 Jahre alt. Ist dir in einem solchen Alter alles vertraut, oder gibt es noch Befremdungen, Fremdheiten? Ich denke beispielsweise daran, wie du mich vor nicht langer Zeit nach den Möglichkeiten des Internet befragt hast, allgemein, aber auch für dich als Komponist.
- Komponierend hast du Fremdes bekanntlich nie ausgeschlossen, sondern fruchtbringend in dein Schaffen einbezogen. - Warst du neugierig auf das Fremde? - Warst du von Jugend an „Weltbürger“, oder bist du es, gewollt oder ungewollt, geworden?
- Du überblickst das 20. Jahrhundert wie kein anderer. Was hat dich in deinem Leben und in deiner Zeit am meisten befremdet? Politische Irrungen? Kunstrichtungen? Privates?
- Sind die Menschen heute anders als vor 100 Jahren?
- Erwartungen und Hoffnungen verändern sich im Lauf eines Lebens. Was hoffst du heute, was früher?
- Wird alles risikoreicher, ungewisser?
Mit solchen Fragen im Kopf und auf dem Notizzettel nahmen wir am gedeckten Tisch Platz zum Gespräch. Wie schon erwähnt, kam es anders: Jenö Takács erzählte.

 



Wien 1913 bis 1926


Mit der Bahn gab es keine direkte Verbindung zwischen Siegendorf und Wien. Siegendorf hat keine Bahnstation, es gibt eine Zweiglinie, wo nur die Zuckerrüben gefahren sind. Aber von Wulkaprodersdorf sind wir öfters nach Wien gefahren. Ich war noch sehr jung, es war vor dem Ersten Weltkrieg. Ich hab’ ein Fahrrad gekauft, und dann waren wir bei der Jagdausstellung. Wien war die Großstadt von Siegendorf, nicht Budapest. Die nächste Stadt war natürlich Sopron (Ödenburg), wo man mit dem Pferdewagen in einer Stunde hinkam, und da wurden Kleider, Schuhe und anderes gekauft. Eisenstadt hat damals keine Rolle gespielt, sondern war eine kleine und beschränkte Provinzstadt, beherrscht von den fürstlichen Beamten, die dort ihre Häuser und Palästchen hatten. Die Frage, wo ich studieren soll, stellte sich 1920, als ich in Sopron maturierte, wo ich Musik kennen gelernt hatte und in Schülerkonzerten öffentlich aufgetreten bin. Es hat fast so ausgesehen, dass ich nicht nach Wien gehe, sondern nach Budapest; als aber 1921 der Anschluss des Burgenlandes an Österreich kam, hat man von der Idee Budapest abgesehen. Es waren damals sehr schlechte Zeiten. Ich erinnere mich, dass es in Wien Wohnungsbüros gegeben hat, die leerstehende Wohnungen oder Mietzimmer registriert haben und einem drei bis vier Adressen gegeben haben. Ist man hingekommen, war alles schon vergeben. Ich hab’ dann in Hernals in einem Kabinett gewohnt. Wenn ich in der Stadt bei einem Konzert war oder länger ausgeblieben bin, musste ich zu Fuß heimgehen. War keine Straßenbahn da, bin ich vom Konzerthaus nach Hernals 1 ½ Stunden zu Fuß gewandert. In der Akademie hab’ ich keine Ahnung gehabt, wer die Professoren sind, habe aber doch einige Namen gekannt. Da war Franz Schmid, der Klavier unterrichtet hat, und da war der Dr. Paul Weingarten. Weingarten war ein Schüler von Emil Sauer, und Sauer war ein Schüler von Liszt. Als ich gehört habe, dass der Weingarten dort unterrichtet, habe ich mich bei der Aufnahmeprüfung zu ihm gemeldet. (Es gab damals vier Ausbildungsklassen, aber auch sogenannte Vorbereitungsklassen.) Weingarten hat mich gerne genommen, und das Studium war eigentlich reibungslos. Ich habe bei Schülerkonzerten gespielt und Erfolg gehabt. Ich erinnere mich noch an ein Stück von Schumann, die „Humoreske“. Schon damals spielte ich Musik von Bartók. Weingarten, der als Pianist in Budapest und Wien jedes Jahr ein bis zwei Konzerte gegeben hat, hat auch Bartóks „Burlesken“ gespielt. Das war damals eine Sensation! Da gibt es ein Stück „Ein bisschen betrunken“ - ein großer Erfolg. Bartók selbst hat auch in Wien gespielt, aber ich hab’ ihn damals noch nicht kennen gelernt.
1926 hab’ ich meine Abschlussprüfung gemacht. Am Tag darauf hab’ ich mich aufs Schiff gesetzt und bin nach Budapest gefahren, um Bartók zu besuchen. Vorher hat es eine Korrespondenz gegeben, wann genau ich komme. Er hat mich empfangen, aber es war eine Begegnung von geringem Interesse, da Bartók nicht gesprächig war. Und was sollte ich mit ihm reden? Wir sind da gesessen, haben in die Luft geschaut und fast nicht gesprochen. Ich hab’ ihm nur erzählt, dass ich von ihm das und jenes gespielt habe. Ich erinnere mich noch heute, dass er gesagt hat: ‚Wissen Sie, das sind Stücke, die man nicht in einer Provinzstadt spielen soll, weil’s die Leute nicht verstehen.’

Naher und Ferner Osten


Das war 1926. Im selben Jahr bin ich nach Kairo engagiert worden. Da gab es ein von einem Polen gegründetes Konservatorium, damals noch unter der Kontrolle der Berliner Musikhochschule – oder Akademie. Die Prüfungen hat immer ein Professor aus Berlin abgenommen. Die Schüler waren nur zum geringen Teil Ägypter; es waren Griechen, Armenier, Palästinenser, Italiener ... Alle Nationen waren vertreten, denn Kairo war eine internationale Stadt. Jedes Jahr kamen Künstler von Rang nach Kairo: Artur Rubinstein, Bronislaw Huberman und viele andere. Sie kamen des Klimas und des Publikums wegen: Kairo hatte ein sehr gutes Konzertpublikum. Das Jahr begann im November und endete im Mai. Im Juni fuhr man nach Europa und verbrachte fünf Monate dort. Kairo war ein idealer Standort: das angenehme Klima - nur zu Weinachten/Neujahr waren zwei, drei Wochen ein wenig kalt -, und in der heißen Zeit war man ja nicht dort. Im Jahr 1932 habe ich Bartók näher kennen gelernt. Es wurde ein „Kongress für Arabische Musik“ angekündigt, namentlich für die Musik Ägyptens. Viele Wissenschaftler aus der ganzen Welt waren eingeladen, auch aus der arabischen, aber hauptsächlich aus Europa. Von Wien war Egon Wellesz gekommen, aus Berlin Curt Sachs und Hornbostel, der Paul Hindemith war da, und so weiter. Damals bin ich Bartók nahe gekommen. Ich habe ihn schon am Bahnhof abgeholt. Vom Kongress-Komitee war niemand dort, und wir fuhren in einem Taxi zu unserer Pension, da er nicht in einem Hotel wohnen wollte. Arabische Buben haben sich am Auto angehängt, um nach dem Aussteigen den Koffer hinauftragen zu können. Ich hab’ den Regenschirm genommen und die Buben aus dem Auto hinausgeprügelt. Zum Kongress sind arabische Orchester und kleine Ensembles gekommen aus allen Teilen Nordafrikas und aus dem Sudan. Die Ägypter wollten ihre Leute auf europäische Musik oder Weltmusik hin erziehen, sie wollten, dass arabische Komponisten in die Gemeinschaft der europäisch-amerikanischen Komponisten aufgenommen werden, Karriere machen und in der Weltmusik Platz nehmen. Das ist kaum gelungen. Damals hat man mich überredet, ein Angebot, in den Fernen Osten zu fahren, anzunehmen. Die philippinischen Inseln waren in die musikalische Landkarte noch nicht aufgenommen gewesen, während die Musik Malaysias, Indonesiens usw. durch die Holländer schon bekannt war. Ich habe dieses Angebot angenommen. Vier Wochen dauerte die Fahrt mit dem Schiff nach Manila, wo ich sehr angenehm empfangen worden bin. Es gab ein an eine Universität angegliedertes Konservatorium, wo ich Klavier- und Kompositionsschüler bekam. Der Zweck war, dass diese 18- bis 22-jährigen Schüler ein Diplom erwerben, damit man sie als Professoren engagieren kann. Nach 10 Monaten fuhren wir nach Japan, wo ich mehrere europäische Musiker kennen gelernt habe, darunter den Pianisten Leo Sirota und den Geiger Robert Pollak, die ich schon von Wien her kannte. Am Konservatorium von Tokyo waren sehr gute Lehrkräfte, mit denen ich mehrere Konzerte gegeben und auch im Radio gespielt habe. Wieder zurück, habe ich auf den Philippinen meine Arbeit fortgesetzt. Von meiner Idee, die ‚primitiven’ Völker der Philippinen mit Phonographaufnahmen zu dokumentieren, wollten die Universitätsleute nichts wissen. Sie hatten sich mit ihrer spanischen Kultur, ihrer Sprache und dem Katholizismus völlig abgesondert von ihren Vorfahren. Man schämte sich, Vorfahren zu haben, die, wenn sie in die Stadt gekommen sind, am Baum geschlafen haben und nicht ins Hotel gegangen sind. Ich musste selbst Geld auftreiben, um diese Expedition – so muss man es nennen – zu veranstalten. Ich bin in die Nordphilippinen gefahren zu den sogenannten Kopfjägerstämmen. Wahrscheinlich haben sie im geheimen Kopfjagd betrieben; wenn eine Feindseligkeit vorhanden war, hat ein Dorf das andere angegriffen, hat einen Kopf abgehackt und diesen mit zeremoniellem Gefolge nach Hause gebracht, konserviert und am Rathaus ausgehängt. Das waren Zeremonien, die mit viel Gesang, Trommeln und Musik verbunden waren. Genau das hat aber die Herren in Berlin und Wien interessiert, und es ist mir gelungen, mit dem einfachen Edison-Apparat Aufnahmen zu machen. Die Wachswalzen sind unter den tropischen Bedingungen teils verschimmelt, aber es war doch möglich, einiges wohlbehalten nach Berlin zu schicken. Doch inzwischen waren die Nazis gekommen; Hornbostel ging nach England, sein Assistent, Marius Schneider, nach Spanien, wo er meine Walzen transkribiert hat. Davon ist ein Heft erschienen, das vom Wiener Museum für Völkerkunde herausgebracht worden ist. Auch im zweiten Jahr sind wir von Manila wieder nach Japan gefahren. Ich hatte ein Klavierkonzert komponiert und es in Tokyo mit einem japanischen Sinfonieorchester aufgeführt. 1940 oder 41 hätte ich dieses Konzert, unter Hans Swarowskys Leitung, in Klausenburg/Siebenbürgen spielen sollen, aber es ist nicht dazu gekommen; ich habe die „Tarantella“ gespielt. Durch die Wirren, die dort aufgetreten sind, ist das ganze Material verloren gegangen. Mein 2. Klavierkonzert existiert also nicht. Während ich in Tokyo, Kobe und anderswo konzertierte, ist ein Telegramm gekommen, dass mein Kontrakt in Manila annulliert wurde. Die Universität musste sparen und konnte eine verhältnismäßig teure Professur wie meine nicht mehr aufrecht erhalten. In meinem Kontrakt ist von Anfang an gestanden, er gelte nicht mehr, wenn er vom Lord of Regence widerrufen wird. Ich bin dann vorzeitig aus Manila weg, zurück nach Europa. Nach einem längeren Aufenthalt in Ägypten, wo ich meine Freunde gesehen habe, kam ich im September nach Venedig. Es war gerade das Musikfest, da bin ich wieder dem Krenek begegnet, dem Alban Berg, dem Joseph Marx, meinem gewesenen Lehrer, dem alten Wilhelm Kienzl. Dann kam ich nach Wien. Alban Berg ist bald gestorben (Dezember 1935), und ich hatte eine Freundschaft mit Alma Mahler und Franz Werfel. Bei Alma Mahler war ich öfter eingeladen in ihrem Haus auf der Hohen Warte. Im Winter bin ich immer wieder nach Kairo gefahren. Dort hatte ich eine Klasse für Klavier und war Mitarbeiter des ägyptischen Rundfunks. Ich habe eine Sendereihe „Von William Byrd bis Igor Strawinsky – Die Entwicklung der Klaviermusik“ gestaltet, wo ich gespielt und Vorträge in französischer Sprache gehalten habe. 1938 bin ich dann abgereist und zunächst nach Rhodos gefahren. Dann folgte meine erste Reise nach Amerika, wo ich meine „Tarantella“ mit Orchester in Philadelphia, New York usw. gespielt habe.

Die Situation in Europa


Inzwischen war die Besetzung Österreichs durch die Nazis erfolgt. Ich bin zurückgekehrt, habe meine Eltern am Plattensee in Ungarn getroffen. Sie sagten mir, ich könne ruhig nach Siegendorf kommen, es werde mir nichts passieren. 1939 war ich in Paris, wo ich intensiv an meinem Ballett gearbeitet habe. Es sollte 1940 an der Budapester Oper einstudiert werden. Durch eine andere Verbindung hat dann aber die Uraufführung am Opernhaus Duisburg stattgefunden, einen Monat vor Budapest. Ich bin nicht nach Duisburg gefahren, obwohl mir der deutsche Botschafter in Budapest dazu geraten hatte, auch nicht nach Berlin, wohin ich eingeladen war, um die Tanzversion meiner „Tarantella“ durch das Staatsopernballett zu sehen. Mit dem großen Erfolg des Balletts in Budapest begann meine ‚ungarische Zeit’. Ich habe kurze Zeit am Konservatorium in Szombathély (Steinamanger) unterrichtet und wurde dann nach Pécs (Fünfkirchen) eingeladen. Pécs ist die größte Stadt in Transdanubien, im südlichen Teil Ungarns, mit 100.000 Einwohnern, alter Kultur und alten Gebäuden. Ich wurde Direktor des Konservatoriums. Inzwischen war der Krieg vorbei, und am 25. September 1945, einen Tag, bevor Bartók gestorben ist, ist Kodály nach Pécs gekommen. Kodály und seine Frau waren in Budapest ausgebombt und hatten nichts richtiges zu essen gehabt. In Budapest war ja eine Hungersnot, während wir als städtische Institution alles gehabt haben. Diese 6 oder 7 Jahre in Pécs waren sehr angenehm. Ich habe dort auch meine Frau kennen gelernt, wir haben geheiratet, und es war nach Jahren in meinem Leben zum ersten Mal, dass ich eine richtige Wohnung gehabt habe. Es war eine aufgeklärte Atmosphäre mit vielen Freunden, die in der Regierung und kulturell tätig waren. Wir waren als Gäste der Ungarischen Akademie mehrere Monate in Rom, und ich bin das erste Mal in die Schweiz gefahren als Jurymitglied des Internationalen Musikwettbewerbs. Aber als wir wieder in Pécs waren, hieß es auf einmal von höchster politischer Stelle, wir würden jetzt in die Fußstapfen des Marxismus-Leninismus treten und eine neue Regierung bilden. Mir war die ganze Sache schon etwas brenzlig geworden, und als ich eine Partitur zur UE nach Wien schicken wollte, sagten sie auf der Post: ‚Dazu müssen Sie eine spezielle Erlaubnis des Kulturministeriums haben.’ Da habe ich gesagt: Jetzt ist es aus. Meine Frau war einverstanden. Wir haben alles, was wir konnten, in ein paar Koffer gepackt und sind nach Sopron gefahren, dort in den Zug gestiegen und nach Rom gefahren, dann nach Wien. 1949 waren wir 6 Monate in Venedig, von dort ging es nach Grundlsee, wo ich Jahre zuvor den Sommer verbracht hatte und wir viele Freunde hatten. Das war eine sehr schöne Zeit. Ich bin nach Wien gefahren, habe mit Max Schönherr und vielen anderen Musikern Kontakt gehabt. Schließlich kam im Jahr 1952 die Einladung nach Amerika. Wir gingen an die Universität in Cincinnati – damals hieß es noch Conservatory und wurde erst später an die University angegliedert -, und es begann unsere amerikanische Zeit, die 18 Jahre gedauert hat mit fast jährlichen Besuchen in Europa. Nun waren wir beide, der hundertjährige Jenö Takács und der halb so alte Werner Schulze, müde geworden. Aber die lebhaften Augen, die nun nicht mehr sehen können, werde ich nicht vergessen können. Durch sie schimmert immer noch, was mir in den Jahren unserer Freundschaft so vertraut geworden ist: jenes lebhafte Interesse am Zeitgeschehen, das große geistige Atmen, das Ethos des Schaffenden und die Neugier des Forschenden.



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