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Das gemeinsame Atmen



Eduard und Johannes Kutrowatz, niederösterreichisch-burgenländisches Klavier-Duo von Weltruf: „Was alle Menschen eint, ist das Widersprüchliche in uns.“


Neue BVZ: Eduard und Johannes, Johannes und Eduard – welcher Bruder kommt zuerst?
Eduard: Da gibt's keine Einheitsversion. Einer gibt immer den anderen zuerst an. Das ist eine Sache des Respekts. Das ist selten unter Brüdern.
Neue BVZ: Klingt wunderbar. Und wann haben Sie zum letzten Mal miteinander gerauft?
Eduard: Ich weiß nicht, ich glaub', mit zwölf Jahren hat mir Johannes mit einer offenen Hallentür einen Vorderzahn ausgeschlagen. Aber das hat er nicht absichtlich gemacht. Da gibt es keine Altlasten. Das ist vielleicht das Geheimnis, warum wir einander nahe sind.
Neue BVZ: Vierhändig Klavier spielen ist ungewöhnlich; haben Sie es schon einmal einhändig probiert? Die Literatur dafür ist ja wieder in Mode gekommen.
Johannes: Ja, merkwürdigerweise. Aber wir halten nichts von Zirkusattraktionen. Entscheidend ist, was klanglich rüberkommt. Die Finger zu spreizen, nur um ein Intervall zu greifen, das man mit zwei Händen besser erreicht, das bringt nichts. Uns geht es um die Musik und die effizienteste Möglichkeit, sie umzusetzen. Das Lusterlebnis beim Hören steht im Vordergrund.
Eduard: Vierhändig spielen ist für viele schon kurios genug.
Johannes: Dagegen verwehre ich mich. Obwohl es zweifellos stimmt, dass es den Anstrich dilettierender Hausmusik hatte, als wir begonnen haben, vierhändig zu spielen.
Eduard: Inzwischen ist das als Kammermusiksparte etabliert.
Neue BVZ: Das erinnert ein bisschen an Tennis, wo das Doppel auch weniger gilt als das Einzel.
Johannes: Ein guter Vergleich. Was viele Menschen nicht sehen, das sind die großen Herausforderungen an klangliche Balance oder Rhythmus, denen wir uns zu stellen haben.
Eduard: Bei Sängern oder Streichern gibt es eine so genannte Einspielzeit oder Einschwingphase. Da ist es fast schwer, nicht gemeinsam zu beginnen. Beim Klavier gibt's nur ein Zusammen oder Nicht-Zusammen.
Johannes: Das gemeinsame Klavierspiel ist früher dadurch diskreditiert worden, dass man einfach zwei Solisten zusammengespannt hat. Das hat meist sehr zweifelhafte Ergebnisse gebracht, denn da kann nichts Gescheites herauskommen.
Eduard: Zwei Töne zur selben Zeit anzuschlagen, das kann man in Wirklichkeit gar nicht lernen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum unter den weltbesten Klavier-Duos Geschwisterpaare den größten Anteil haben, gefolgt von Ehepaaren. Da muss man gemeinsam atmen, da muss die Chemie stimmen – lauter Dinge, die man eben nicht lernen kann.
Neue BVZ: Und wie sind Sie daraufgekommen, das Klavier-Duo als eine Möglichkeit zu sehen?
Eduard: Wir haben vor zwanzig Jahren das erste gemeinsame Konzert gegeben; das war laut Publikumsaussagen so gut, dass wir diesen Weg gegangen sind. Es ist ja aus verschiedenen Gründen keine leichte Entscheidung. Zur schönsten Literatur für vierhändiges Klavier zählen zum Beispiel die Werke Franz Schuberts, die er für sich und Karoline Ezsterházy geschrieben hat – seine einzige Möglichkeit, ihr körperlich nahe zu sein. Deswegen kommt es zu unmöglichen Verschränkungen der beiden Spieler, die man gerade noch mit einem Bruder aushält, obwohl es mit der Eszterházy sicherlich schöner wäre. Musik hat eben viel mit Erotik zu tun.
Neue BVZ: Liszt ist ein Künstler, den man vermehrt in Augenschein nehmen müsste. Ein sehr zerrissener Mensch ...
Eduard: Zerrissenheit ist der Ausgangspunkt jedes künstlerischen Schaffens. Jeder sucht sich seine Bühne – und sei es, um selbstgebastelte Strohsterne auszustellen.
Neue BVZ: Wie zerrissen sind Sie?
Eduard: Hoffentlich zerrissen genug, um gute Musik zu machen – aber nicht so zerrissen, um nicht dafür dankbar zu sein, dass ich das entsprechende Handwerkszeug und einen Bruder mitbekommen habe, mit dem ich seelenverwandt bin.
Neue BVZ: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Werke aus, die Sie in Konzerten spielen?
Johannes: Das entscheidende Kriterium ist die Schönheit. Widerwärtig ist uns Provokation um ihrer selbst willen. Und wenn ein Komponist mit seiner Arbeit gar nicht verstanden werden will, dann brauchen wir ihn auch nicht zu spielen. Jedenfalls wählen wir nichts aus, das Hässliches oder Grausliches in sich trägt, oder wo die Komplexität zum Selbstzweck erhoben wurde und das menschliche Ohr gar nicht mehr folgen kann.
Eduard: Wir wollen Emotionalität vermitteln. Wir beide sind eins, und das Publikum ist unser zweiter Mitspieler.
Johannes: Die schwierigste Frage ist ja, wann ein Klavier-Duo so eins ist, dass es wirklich gut klingt. Die Frequenzen der beiden Klaviere dürfen einander nicht auslöschen, sondern müssen einander steigern – da gilt das additive Prinzip.
Neue BVZ: Das hat auch mit der Stimmung der beiden Klaviere zu tun.
Johannes: Natürlich. Eine gewisse Toleranzbreite müssen wir akzeptieren. Aber klaffen die beiden Stimmungen zu sehr auseinander, gibt's nur zwei Möglichkeiten; entweder wir schmeißen die Nerven weg oder wir freuen uns auf das Glas Bier danach.
Eduard: Zum Stichwort Bier fällt mir noch ein: Der große Nachteil eines Klavier-Duos ist, dass man sich die Gage teilen muss, der große Vorteil, dass man nachts in der Hotelbar sein Bier gemeinsam trinken kann.
Neue BVZ: Da stellt sich die Frage nach der Heimat ...
Eduard: Je öfter wir auftreten, desto seltener kommen wir natürlich nach Rohrbach zurück, aber desto mehr lieben und schätzen wir dieses Land, das uns wärmer vorkommt, als alle anderen.


Zu den Personen: Eduard und Johannes Kutrowatz


Eduard und Johannes Kutrowatz wurden am 6. März 1963 und am 21. März 1962 in Wiener Neustadt geboren. Die Brüder bilden eines der weltweit führenden Klavier-Duos (vierhändiges Spiel auf einem Klavier und Spiel auf zwei Klavieren).
Daheim in Rohrbach stand bei den Großeltern ein Klavier, worauf die Brüder schon mit vier, fünf Jahren das nachklimperten, was der Großvater vorpfiff. Solcherart als Talente entdeckt, besuchten sie erst die Musikschule in Mattersburg und dann das Konservatorium in Eisenstadt.
Daneben legten sie die Matura am Gymnasium in Mattersburg ab (1981 und 1980) und studierten schließlich an der Musikhochschule. Beide erhielten eine solide Solo-Ausbildung und wurden als Klavier-Duo nicht zu früh verbraucht („deswegen halten wir es auch miteinander aus“). Ihr erstes gemeinsames Konzert gaben sie 1983 im Kulturzentrum Mattersburg, heute treten sie in gut achtzig Prozent der Fälle gemeinsam auf.
Zusammen leiten sie auch das Festival „Klangfrühling“ auf Burg Schlaining, Eduard darüber hinaus noch die „Atzenbrugger Tänze“ in Niederösterreich. Über weitere Festival-Projekte wird diskutiert. Beide Künstler sind mit Sopranistinnen verheiratet, Eduard mit Eva (sie haben eine sechsjährige Tochter namens Miriam) und Johannes mit Ruth. Gemeinsam sind sie sich einig: „Sopranistin – das ist keine Stimmlage, sondern eine Charakterzeichnung. Exponierte Stimmlagen erfordern exponierte Charaktere. Aber wir haben kein Problem mit Frauen, die leicht reizbar sind. Wir leben gerne aufregend.“
, 10. August 2003



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