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Interview mit Dr. Ludwig Flich



Eduard und Johannes Kutrowatz gelten als Österreichs wichtigstes Klavierduo. Knapp nach ihrem umjubelten Konzert beim Klavierfestival Ruhr in Bochum sprach Dr.Ludwig Flich ("Der Standard") mit Eduard Kutrowatz.


LF: Sie spielen erstmals einen Konzertzyklus. Gibt es dafür ein passendes Motto?
EK: Wir wollten Klavier-Duospiel in all seinen Variationen darstellen: vierhändig, dann an zwei Klavieren und schließlich in Begleitung von Perkussion. Abwechslung hilft der Freude am Spiel. Wir werden zum Beispiel unsere Fähigkeiten im nächsten Jahr bei den Haydn-Festspielen in einem "Klavier-Marathon" ausloten. Auf ein Bach-Doppelkonzert folgt Haydns G-Dur-Konzert mit meinem Bruder als Dirigenten und mir als Solisten und dann das F-Dur-Konzert, ebenfalls von Haydn, mit vertauschten Rollen und schließlich das Mozart-Doppelkonzert, wo wir uns noch nicht geeinigt haben, wer von uns dirigiert.

LF: Ich weiß, dass Sie - neben ihren bekannten Fähigkeiten als japanophiler Gourmet und Weinkenner auch andere Instrumente spielen. EK: Schlagzeug war mein zweites Hauptinstrument im Studium, und so kommen die Gershwin- und Takacs -Abende einer weiteren Vorliebe entgegen: dem Rhythmus. Rhythmus ist bei einem Klavierduo Voraussetzung und Herausforderung zugleich.

LF: Sie haben auch drei Stücke von Dave Brubeck arrangiert.
EK: Für mich stellt Brubeck ein wichtiges Bindeglied zwischen klassischer - ich hüte mich vor dem Wort "Ernster" - und moderner Musik. Immerhin hat er sogar bei Arnold Schönberg gelernt. Ich suchte drei Stücke, von denen eines bekannt sein sollte. Da sprach uns das "Blue Rondo a la Turk" als Finale besonders an. Dieses verbindet sich nun perfekt mit zwei weiteren zu einer dreisätzigen Suite in den Tonarten C-Dur, a-moll und F-Dur.

LF: Die Stücke von George Gershwin spielen Sie im Original?
EK: Gershwins Werke sind in verschiedenen Fassungen erhalten, doch unsere Versionen für zwei Klaviere sind absolut authentisch.

LF: Verglichen Sie Ihre Auffassung mit Originalaufnahmen von Gershwin selbst?
EK: Wir konnten einen Film entdecken, in dem Gershwin "I got Rhythm" spielt; das eröffnete uns völlig neue Einsichten.

LF: Weshalb?
EK: Das Jazz-Idiom, wie es in den Zwanziger-Jahren gepflegt wurde, unterscheidet sich gewaltig von dem heutigen, oder besser von jenem, welches sich um die Musik Gershwins weiterentwickelt hat. Wir hörten im Spiel Gershwins - trotz aller Virtuosität - ein hohes Maß an Primavista-Freiheiten, die sich heute kein Interpret herauszunehmen wagte, und dazu den zickigen, kürzeren Beat, der immer noch im Ragtime der Jahrhundertwende fußt. Gershwin und Joplin liegen da nicht so weit auseinander.

LF: Wie haben Sie dann ihren Swing zeitgemäß "blue" gefärbt?
EK: Für uns ist der Interpret Mitschöpfer. Wir spielten einmal ein Stück für Jenö Takacs, das in den Noten einen Megaaufwand an Differenzierungen verlangt. Als wir das Stück so perfekt wie möglich vortrugen, meinte Takacs: "Das war doch nur als Idee gedacht". Auch Arvo Pärt will in Kürze ein Stück erst nach einem Workshop mit uns gemeinsam fertig stellen. Das gibt uns die Freiheit, Gershwin im Stil unserer Zeit, mit den Erfahrungen der letzten 70 Jahre zu interpretieren, auch wenn wir etwas einbringen, das er noch nicht geahnt hat.

LF: Ihre CD spiegelt eine weite Palette von dynamischen Extremen wider. EK: Dazu gibt es eine interessante Konzerterfahrung. Wir loteten bei den Proben mit Einsatz das äußerste Volumen aus; als das Konzert auf den Bändern abgehört wurde, stellte sich heraus, dass wir noch dynamischer gespielt hatten. Offenbar versetzt uns die Stimmung des Publikums in ungeahnte Hochstimmung.

LF: Hat sich eigentlich über die Jahre ihre Aufnahmetechnik für ihre CDs verändert?
EK: Wir haben von Anfang an versucht, große Bögen zu spielen und Schnitte zu vermeiden; denn Schnitte, und seien sie noch so geschickt verdeckt, stören auch kaum bewusst - den Musikfluss. Mittlerweile kamen wir so weit, dass wir ganze Stücke lieber mehrmals aufnehmen und dann die musikalisch befriedigendste Version auswählen.

LF: Zu Franz Liszt. Was verbindet Sie mit seinen Werken?
EK: Nun, Liszt ist Burgenländer wie wir, und unser Geburtsort Rohrbach liegt ein paar Kilometer nördlich von Raiding. Pannonische Musik liegt uns im Blut, und so entwickelten wir seit jeher einen starken Bezug zu manchen Werken von Liszt, Brahms und letztlich auch Schubert.

LF: Handelt es sich bei Liszt ebenfalls um originale Werke?
EK: Unsere Fassungen stammen von Liszt selbst und unterscheiden sich von den Orchesterfassungen in einigen Details. Auch hier ist oft nicht bekannt, ob die Werke für private oder Studienzwecke konzipiert wurden. Es ist faszinierend, wie gut diese hochvirtuosen oder auch wie im Orpheus sinnlichen Werke neben den glitzernden Orchesterversionen bestehen können.

LF: Sie spielen im Jänner 2000 auch in der Carnegie Hall in New York und auch da - als große Ausnahme - auf Bösendorfer.
EK: Der Bösendorfer bietet die für unsere Vorstellung größere Farbpalette, wobei wir aber wissen, dass es viel Aufwands bedarf, diesen Klang zu erhalten. (Zudem funktioniert unsere Zusammenarbeit mit Bösendorfer hervorragend, wobei es ja gerade bei sensiblen Klavieren extrem stark vom Können des Technikers beim Stimmen und Intonieren vor dem Konzert ankommt. Und da haben wir einen wirklichen Meister seines Fachs gefunden.)

LF: Wäre es Sakrileg oder Nonkonformismus gewesen, Johann Strauß in seinem Jubiläumsjahr nicht zu ehren?
EK: Wir haben unsere Programme nie um Geburts- oder Todestags-Feierlichkeiten geplant, aber es war sicherlich ein hilfreicher Zufall, dass unsere Strauß-CD im Jahr '99 auf den Markt kam.

LF: Was wirkt am vierhändigen Strauß besonders?
EK: Diesmal handelt es sich um Klavierbearbeitungen, die Johann Strauss in Auftrag gab und dann befürwortete. Viele dieser Walzer sind natürlich für den heimischen Gebrauch - es gab ja keine CD und kein Radio - gedacht; sie spiegeln eine spezielle Klarheit und Beschränkung auf das Wesentliche wider, die in der Orchesterfassung leichter umsponnen wird.

LF: Bei manchen Walzern auf der CD hatte ich den Eindruck, dass Sie sich mehr Zeit nehmen und freier zu agieren scheinen.
EK: Das ist sehr gut beobachtet. Strauß selbst wollte seine Walzer nicht im Schnellzugstempo. Nun haben wir beide versucht, uns wie zwei Tänzer aufs Parkett zu wagen. Der Rhythmus ist bekannt, die vertikale Linie stimmt, doch dann darf man auch ein bisschen eigene Schritte wählen. Es gibt ja nicht nur einen Links- sondern auch den ganz anders zu tanzenden Rechtswalzer.



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