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Interview mit Dorli Draxler


Die Brüder Kutrowatz zählen zu den gefragtesten und vielbeschäftigsten Klavierduos. Ihre Engagements führten sie in so bekannte Konzerthäuser wie den Wiener Musikverein, die Londoner Wigmore Hall, den Herkulessaal in München oder die New York Recital Hall at Carnegie Hall. Neben seiner Konzerttätigkeit hat das Brüderpaar einen Lehrauftrag an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien für Streicher, Bläser und Musikpädagogik. Mit Dorli Draxler sprachen Eduard und Johannes Kutrowatz über die Musikausbildung an Österreichs Hochschulen, Musikschulen und die Aufgaben und Herausforderungen der Musikpädagogen.

An den Musikschulen unterrichten zum Großteil die Abgänger der Musikuniversitäten. Das heißt von den Musikschulen kommend, erhalten die zukünftigen Musikpädagogen ihre Ausbildung an den Musikuniversitäten und Konservatorien und gehen dann wieder an die Musikschulen zurück. Wie muss eine Vorbereitung für eine Berufsausbildung aussehen?

Eduard Kutrowatz:
Ich glaube, dass es nicht das ureigenste Ziel der Ausbildung sein kann, einen Kreislauf in Gang zu setzen der dann nur „Inzucht in sich selbst“ ist. 

“Es geht nicht in erster Linie darum spezielle Fertigkeiten zu trainieren, sondern Erlebnis Musik soll vermittelt werden.” 

Ausbilden für die Ausbildung kann niemals Ziel eines Lehrbeauftragten sein, viel mehr sollte das Erlebnis Musik vermittelt werden. Deshalb gibt es für meinen Bruder und mich auch keine Unterscheidung zwischen Nebenfach, Pflichtfach und Hauptfach. In einem Pflichtfach kann ich dem Student allgemein musikalische Dinge weitergeben. Beim Unterricht im Pflichtfach Klavier für einen Streicher oder Bläser wird oft das Klavier als Pflichtfach mehr gebraucht als das Hauptinstrument. Mit dem Klavier werden andere Studenten begleitet, übers Klavier wird Rhythmus und Klang vermittelt.

Johannes Kutrowatz:
Der „Inzucht“-Thematik kann ich absolut beipflichten. Bei der Ausbildung, egal auf welcher Stufe, sollte es in erster Linie um das Erlebnis Musik gehen. Es geht nicht in erster Linie darum, spezielle Fertigkeiten zu trainieren, sondern der Überbau ist immer das lustbetonte Erlebnis.

Es fällt aber auf, und wird in Musiker- und Lehrerkreisen immer wieder diskutiert, dass man das Konzertfach gegen die Musikpädagogik ausspielt: Von den Musikpädagogen wird wenig künstlerischer Anspruch verlangt. Doch gerade in den Musikschulen müsste doch das Erlebnis Musik im Vordergrund stehen, weil dort die Ausbildung nicht nur im Sinne einer Talentförderung sondern auch als breite Allgemeinbildung zu verstehen ist. 

Johannes Kutrowatz:
Für das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis eines Lehrenden ist es extrem wichtig, den Balanceakt zwischen der Fitness am Instrument und der Allgemeinbildung zu schaffen.

“Der Ausbildungsprozess erfordert natürlich ein striktes Time-Management, Disziplin und das Wissen, was man will.”
Es hat keinen Sinn, einen riesigen Fächerkanon verpflichtend anzubieten. Alles klingt interessant und wichtig. Die Folge ist, dass die Studenten nicht mehr wissen was zuerst gemacht werden soll. Sie haben keine Energiereserven, um sich mit sich selber und ihrem Instrument zu beschäftigen. Der Ausbildungsprozess erfordert natürlich ein striktes Time-Management, Disziplin und das Wissen was man will.

Aber diesen Balanceakt regelt doch der Studienplan?

Johannes Kutrowatz:
Nur zum Teil, denn wie formt man Studienpläne im Zuge der Studienreform und Strukturreform um, damit Grenzen zwischen Konzertfach und Pädagogik möglichst durchlässig werden. 
Jemand der seine Zukunft als Solist, Orchestermusiker oder Kammermusiker sieht, wird sich hauptsächlich seinem Instrument und den entsprechenden Übungen widmen. 
Sollte er aber während seines Ausbildungsprozess bemerken, dass das Podium doch nicht seinem Naturell entspricht, dann sollte er aufgrund des Angebots die Möglichkeit haben, seine Fähigkeiten in die Vermittlung zu verlagern. 

Eduard Kutrowatz:
Es darf aber kein Ideologiekampf daraus werden, es darf nicht heißen: Wenn jemand am Instrument gut ist, dann hat er zu enge Grenzen und weiß rundherum zu wenig und umgekehrt.

Sind das noch immer die alten Vorurteile?

Eduard Kutrowatz:
Wir kennen aus beiden „Lagern“Fälle, die es geschafft haben diese Grenzen zu verwischen. Es gibt sehr viele professionelle Instrumentalisten und Sänger die das Konzertieren als mehr sehen, als nur das Instrument technisch möglichst sauber zu spielen und dies dem Publikum zu präsentieren. Umgekehrt kennen wir aus dem pädagogischen Sektor Leute, die fit genug sind, um auf der Bühne bestehen zu können.

Wie sieht es mit dem Ansatz des Vernetzungsgedankens bzw. des Öffnens von Grenzen auf Seite der Ausbildenden, der Professoren aus?

Eduard Kutrowatz:
Also wir versuchen es nach bestem Wissen und Gewissen in unserem Bereich.

“Der Lehrer kann versuchen Begabungen und Stärken des Schülers freizulegen, und das geht auch nur, wenn der Schüler es zum gegebenen Zeitpunkt will.”

Johannes Kutrowatz:
Ich sehe „Lehrer sein“ mehr als Funktion des Begleitens. Ich kann nur versuchen die Begabungen und Stärken eines Schülers freizulegen, und das auch nur, wenn er es zum gegebenen Zeitpunkt will.

Eduard Kutrowatz:
Wobei wir zum Ausgangspunkt, zur Vorbereitung an den Musikschulen zurückkehren. Damit man in den Universitäten auf diesen Gedanken aufbauen kann, muss man auf eine gewisse Basis, auf ein gewisses handwerkliches Rüstzeug zurückgreifen können. 

Was wird an den Musikschulen in Österreich besonders gefördert. Wo gibt es eine gute Basis, auf der man aufbauen kann?

Johannes Kutrowatz:
Ich beobachte, dass Leute, die ihren Weg machen, eine starke Verbindung zur Basis, zu Volkskultur und Volksmusik haben. 

“Heute darf man wieder zu seinen Wurzeln stehen. Vor 15 Jahren war es verpönt zu sagen, dass man im Chor mitgesungen hat. ”

Sie haben schon zu Hause gesungen, gespielt, getanzt und Hausmusik gemacht. Das ist der Background für eine Musikantenseele, für einen Energiepolster. Das Lustprinzip muss damit es dann auf der Bühne realisiert werden kann.

Das sagt man den Brüdern Kutrowatz nach – und man liest es auch in den Konzertkritiken – „sie tragen das Musikantische in sich“.

Eduard Kutrowatz:
Heute darf man zu diesen Wurzeln wieder stehen. Bis vor etwa 15 Jahren war es fast verpönt zu sagen, dass man im Chor mitgesungen oder in der Blaskapelle seine Erfahrungen gesammelt hat. 

Johannes Kutrowatz:
Das ist ein sehr positives Signal von den österreichischen Studierenden. Aus dem anglo-amerikanischen Raum ist zu bemerken, dass die Leute im Solfeggio-Bereich sehr fortgeschritten sind.. Auch Studenten aus Osteuropa sind im Bereich des Hörens und des Umgangs mit Musik (Blattsingen, Blattspielen) profiliert. Dies hängt sicher mit den Ausbildungssystemen in diesen Ländern zusammen. Leute aus asiatischen Ländern etwa sind prädestiniert für Disziplin und Beharrlichkeit.

Eduard Kutrowatz:
Den länderspezifischen Unterschied verdeutlicht ein Vergleich zwischen einer Studentin aus Seoul und einer niederösterreichischen Studentin. Beide spielten das gleiche Bach-Präludium am gleichen technischen Stand. Die asiatische Studentin konnte das Stück von Anfang an fehlerfrei vom Blatt spielen. Die Niederösterreicherin konnte das Werk von der Phrasierung und Artikulation bestens realisieren, benötigte aber vier Wochen länger bis zur fehlerfreien Beherrschung. 

Gibt es durch die hohen künstlerischen Anforderungen und den damit verbundenen zeitlichen Aufwand dafür Defizite in der universalen musikalischen, historischen, philosophischen, ethnologischen usw. Ausbildung?

Johannes Kutrowatz:
Die Vision in der musikalischen Ausbildung besteht darin, ein Angebot, einen Fächerkanon zu schaffen der aus drei Säulen besteht: 
I. Rhythmus: Damit meine ich Körpergefühl, Tanz, Bewegung, von der Früherziehung bis zur Universität, von Afrika bis zu Salzkammergut. 
II. Harmonikale Zusammenhänge: Gemeint ist hören, horchen, Formanalyse, Tonsatz, Harmonielehre, Musikgeschichte; der Klang des Lebens, um Ernst Joachim Berendt zu zitieren. 
III. Spiritueller Aspekt: Übertragen meine ich den Lehrer als Begleiter der von seiner psychologischen Grundqualifikation auch entsprechend fit sein muss. Jeder bringt ja seine Geschichte mit, egal aus welcher sozialen Schicht oder von welchem Erdteil er kommt.

Eduard Kutrowatz:
Ich möchte den Begriff Liebe einführen: Liebe zum Instrument, zu dem was man macht. Wenn man das Instrument nur „vermittelt“, handelt es sich um eine rein technische Sache um damit Geld zu verdienen. 

Johannes Kutrowatz:
Der dreiteilige Überbau, das philosophische Ausschweifen hat immer unmittelbare Konsequenzen auf die Frage: „Was muss ich tun“? 

Eduard Kutrowatz:
Aufgrund dieser Überlegungen muss der Pädagoge individuell auf jeden Studierenden einzugehen. 

“Ein Musikschullehrer muss sowohl Managementbegabung, Beherrschung des Instruments als auch psychologische Erfahrungen haben.”

Jeder braucht möglicherweise die gleichen Übungen anders serviert, was einen enormen Anspruch an den Lehrer darstellt.

Mit welchen Fähigkeiten sollte ein Musikschullehrer ausgestattet sein, wenn er in den Beruf eintritt?

Johannes Kutrowatz:
Er benötigt sowohl Managementbegabung, Beherrschung des Instruments als auch psychologische Erfahrung im Sinne einer sozialen Kompetenz.

Eduard Kutrowatz:
Möglicherweise braucht es auch Erfahrungen in ganz anderen Bereichen, um ein guter Musikschullehrer zu sein: Er sollte ein guter Kindergärtner sein oder aber auch in das Management eines Wirtschaftsunternehmens einsteigen können – ebenfalls eine Vision.

Wieder zurück zur niederösterreichischen Musikschullandschaft. Schulträger sind die Gemeinden, das Schulwesen ist sehr autonom. Die Musikschullehrer und –leiter haben keine verbindliche berufsbegleitende Weiterbildung, auch wenn die Weiterbildung im Musikschulstatut empfohlen wird. Wie sollte man in diesem Zusammenhang in die Zukunft denken?

Johannes Kutrowatz:
Auch im Dreisäulenmodell.

Eduard Kutrowatz:
Die große Frage lautet: „Wie erreichen wir jene Lehrer, die gar nicht wissen, was sie nicht wissen“. Wie können wir jene Musikschullehrer für eine Fortbildung interessieren und gewinnen, die eine solche wirklich brauchen. Vor Jahren wurde ein „Musikschulinspektor“ diskutiert. Wenn man die Lehrer für die Fortbildung nicht gewinnen kann, dann kommt das Seminar eben an die Schule. Die wirkliche Voraussetzung ist aber die Erkenntnis, dass es für einen selber wichtig ist.

Johannes Kutrowatz:
Das ist genau der Knackpunkt. Vielleicht geht das wiederum über das Lustprinzip. Fortbildung ist nicht nur Verpflichtung, sondern ein unmittelbarer Beitrag zur Lebensqualität als Lehrer.

Den Musikschulen wird oft vorgeworfen, dass sie eine reine Instrumentalausbildung anbieten und dass elementare Ausdrucksweisen wie u. a. das Singen vernachlässigt werden. Liegt das schon an der Berufsvorbildung?

Johannes Kutrowatz:
Es gibt sowohl im Konzertfach als auch in der Pädagogik die Freifächer Stimmbildung und Ensemblesingen, chorisches Singen. Jeder der will, kann das Angebot in Anspruch nehmen. 

Ich meine Singen als integralen Bestandteil des Instrumentalunterrichts.

Eduard Kutrowatz:
Jeder muss selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Ein Instrumentallehrer muss erkennen, dass das Prinzip des „singenden Tons“ das größte Kompliment ist und dass der „singende Ton“ der größte Auftrag ist .

Johannes Kutrowatz:
Der „singende und sprechende Ton“ ist die Brücke, um als Musiker und Lehrer verstanden zu werden. Wenn das Gespielte nur laut – leise, hoch – tief ist, wenn die Ausdrucksparameter eingegrenzt sind und die Parameter der Kommunikation nicht berücksichtigt sind, dann kann eben Kommunikation nicht stattfinden – ob vom Podium oder im Dialog zwischen Lehrer und Studierendem. 

“Für die Zukunft wünsche ich mir Chor und Tanz als verpflichtende Fächer für alle, nicht im Sinne von Pflicht sondern als Angebot.”

Eduard Kutrowatz:
Neben dem Singen müssen die Körpererfahrung, die Bewegung, der Tanz ebenfalls viel stärker gefördert werden. Ich wünschte mir für die Zukunft Chor und Tanz als verpflichtende Fächer für alle, nicht im Sinne von Pflicht, sondern als Angebot. Die Eltern dürfen dadurch natürlich nicht einer finanziellen Mehrbelastung ausgesetzt sein. Singen und Tanz sollen als positive Erfahrung wahrgenommen werden. Und natürlich sind die Stimme und der eigene Körper mit der Fähigkeit sich zu bewegen wichtige Begleiter für jedes Instrumentalfach.

Johannes Kutrowatz:
Es ist sicherlich auch eine Generationsfrage, wann dieses Bewusstsein für einen komplexen Ansatz und die Durchmischung auch wirklich passiert. 
Beim Wahrnehmen von Musik über das Ohr und den Körper bestehen extreme Unsicherheiten. Es muss schon von der Früherziehung weg die Basis geschaffen werden, mit Ruhe und Selbstvertrauen „hören“ zu lernen. 

Eduard Kutrowatz:
Musik hören ist etwas ganz Wesentliches. Auch in der Musik gibt es individuelle Muttersprachen. Wenn jemand von der Volksmusik kommt, ist das seine Muttersprache. Manche hören nur Pop und Rock, manche hören von Anfang an gerne „Messias von Händel“. 
Daher bietet sich die Einführung einer Hörstunde an. Die Hörstunde bietet einerseits Angebote in der jeweiligen musikalischen Muttersprache, andererseits aber auch die Chance, Vokabeln der anderen musikalischen Muttersprachen kennen zu lernen.

Welche Wünsche haben Sie für den gesellschaftlichen Fortgang. Von allen Seiten hört und weiß man: „Musik mache gescheiter.“

Eduard Kutrowatz:
Leider gibt es gerade im Bereich der musischen Bildung sehr oft Lippenbekenntnisse von politisch Verantwortlichen. Wenn Sing-, Tanz- und Hörstunden etwa von der öffentlichen Hand finanziert würden, dann wäre das ein Beweis, dass Politiker die Sache mit der Musik auch ernst nehmen. Singen, Tanzen, Hören sollte genauso zur Grundausbildung gehören wie rechnen, schreiben, lesen. 

Johannes Kutrowatz:
Die alte griechische Trias, Astronomie, Mathematik, Musik, hat ihre Gültigkeit. Sie steht auch für die drei Säulen: Astronomie stellvertretend für den spirituellen Ansatz, für den kosmischen Aspekt; Mathematik für den harmonikalen Aspekt und Musik für den unmittelbar kreativen Aspekt.

Noch ganz kurz zu Ihrer künstlerischen Tätigkeit. Sie haben als Klavierduo für klassische Musik internationale Erfolge gelandet. Wie sind Sie auf diesen Schwerpunkt gekommen, gibt es auch Entwicklungen in andere musikalische Richtungen?

Eduard Kutrowatz:
Aufgrund der großen internationalen Konzerte haben wir gesehen, dass es in der Musik eine Grundsprache gibt die verstanden wird. Das ist die Übertragung von Emotionen. 

“In der Musik gibt es eine Grundsprache die verstanden wird: die Übertragung von Emotionen.”

Daneben gibt es unterschiedliche Hörerfahrungen in unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen. Unser Repertoire umfasst daher verschiedenste Richtungen. Zunehmend werden uns Uraufführungen und Kompositionen anvertraut. Wir denken auch über die Frage nach: „Was ist ein gutes neues Werk, was interessiert den Hörer? Wir spielen viel zeitgenössische Musik und sind grenzüberschreitenden Sparten aufgeschlossen. Wir sind auch beide solistisch unterwegs. Unsere aufgebaute Marke ist jedoch immer noch das Klavierduo.

Ich danke für das Gespräch.



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