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Musik und Spiritualität
(Paul Iby, Bischof von Eisenstadt im Juni 2000)
Spiritualität kommt von spiritus - Geist und bedeutet wörtlich zunächst
Geistigkeit, eher Geistlichkeit. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch wird
darunter häufig einfach Religiosität oder auch Übersinnlichkeit
verstanden. Das Wort Spiritualität beschreibt sehr treffend eine
existentielle menschliche Ur-Erfahrung: die Erfahrung der Transzendenz,
die unsere Welt der sichtbaren Erscheinungsformen trans-zendiert, - über-steigt,
die über unsere materielle Existenz hinausweist.
Auch nicht gläubige Menschen können spirituelle Erfahrungen machen und
Sehnsucht danach haben. Erich Fromm nennt religiöse Erfahrungen einfach
"X-Erfahrung", um auszudrücken, dass diese menschliche
Grunderfahrung nicht von konfessionellen oder kirchlichen Bindungen und
auch nicht von einer persönlichen Entscheidung zum Gläubigsein abhängig
ist.
Hier ist der Berührungspunkt von Religion und Kunst: jedes tiefe
Erleben von Kunst ist in diesem Sinne spirituell, übersinnlich,
da es die engem Grenzen unserer mit den Sinne wahr-genommenen Welt
sprengt und ungeahnte Räume und Dimensionen erfahrbar werden lässt.
Der Hauch von Ewigkeit kommt in den Sinn: spiritus, griechisch
"pneuma" heißt ja auch Atem, Seele, Hauch. Der Berührungspunkt
liegt in der Tiefe, er führt uns zum Kern der Dinge, zum spirituellen
Kern. Er ist den Mystikerinnen und Mystikern aller Religionen seit jeher
bekannt: er ist das Seelnfünklein Meister Eckeharts, die Innere Burg
oder das leuchtende Zentrum des Inneren Schlosses der heiligen Theresa
von Avila, das Selbst C. G. Jungs, das Christus-Bewußtsein der
Antroposophen, das All-Eine der Buddhisten; er ist der göttliche Funke,
der in uns leuchtet, durch den wir alle im tiefsten Inneren mit Gott und
miteinander verbunden sind.
Die Überreichung des Lichtes bei der Taufe ist ein Symbol für diesen göttlichen
Funken in uns.Er ist unser innerster Wesenskern, er ist der Geist, durch
des alle Menschen die gleiche göttliche Würde haben, durch den alle
Menschen Brüder und Schwestern sind. Von ihm beziehen die Heiligen, die
Märtyrer, die wahren Helden, alle großen, außergewöhnlichen Menschen
ihre Stärke, da sie hier in echter Verbindung mit Gott stehen. Der
heilige Apostel Paulus sagt: ...nicht mehr ich lebe, sondern Christus
lebt in mir.
Musik und Kult sind seit Urzeiten eng miteinander verbunden: ist
doch die Musik nach den meisten musikgeschichtlichen Entstehungstheorien
aus dem Kult hervorgegangen, sie ist ein Kind der Religion.
Man sagt, die Musik öffnet das Herz der Menschen für Gott, da sie den
Menschen im Allerinnersten zu berühren, ins tiefste Dunkel des Unbewussten
vorzudringen und ungeahnte emotionale Erlebnisse auszulösen vermag. Den
Christen ist Musik mit ihrer subtilen, unfassbaren Kombination aus
Rhythmus, Melodie, Harmonie und Klang immer auch Ausdruck der
unendlichen Schönheit und Herrlichkeit Gottes.
So ist Musik ein Weg, das Göttliche, das Unaussprechliche, das
Unsichtbare zu erfahren.
Olivier Messiaen hat in seiner Oper "Saint Francois d´Assise"
das, was Spiritualität und Musik vermögen, überwältigend
dargestellt:
Der heilige Franz von Assisi, der die Verbindung zu allen Geschöpfen so
tief spürte, dass er sie Brüder und Schwestern nannte, hört in einer
Vision bei der Begegnung mit einem Engel Musik von solcher Schönheit, dass
er meint, vor Glück sterben zu müssen, weil sein Körper die
Freude nicht ertragen könne. Er nennt sie la musique de l´invisible,
le chant derrière la fenêtre: die Musik des Unsichtbaren, der
Gesang von jenseits des Fensters. Der Engel:"...Du sprichst
durch die Musik zu Gott: Er wird durch die Musik antworten. Lerne die
Freude der Seligen durch die Zartheit von Farbe und Melodie kennen. Und
es öffnen sich dir die Geheimnisse, die Geheimnisse der Herrlichkeit! Höre
diese Musik, höre die Musik des Unsichtbaren..."
In der Schnelllebigkeit unserer Zeit benötigen wir das Suchen nach
Spiritualität, nach Innerlichkeit. Für viele Menschen ist die Musik
der Schlüssel, der die Türen zur Innerlichkeit öffnet.
Eisenstadt, 13.6.2000 | |

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