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Fusionierte Eigenständigkeit, bedachte Brillanz, feinfühlige
Intellektualität"
(Text-Booklet CD - "Recital", Juni 2000)
Seit ein paar Jahren beunruhigt und befruchtet ein künstlerisches Brüderpaar
aus dem österreichischen Burgenland die internationale Klavierduoszene.
Beunruhigung insofern, als auf diesem ebenso heiklen wie faszinierenden
Spezialgebiet des musischen Austauschs, der gestalterischen Ergänzung
und der tonlichen Synchronisation bei gleichzeitiger Behauptung der
spielerischen Individualität mit nervöser Umsicht enthusiastisch erkämpfte
Herrschaftsgebiete verteidigt werden. Oder anders gesagt: auf dem verhältnismäßig
überschaubaren "Markt" überzeugter, sozusagen
hauptberuflicher Klavierduoformationen sieht man sich im Wettspiel um
Veranstaltergunst etwas eher in die Defensive gedrängt als im Bereich
des Solospiels, zumal die Literatur für zwei Klaviere ja auch ganz
erhebliche organisatorische Probleme bereitet.
Ein junges, ehrgeiziges, literarisch aufgeschlossenes, in Wesen und
musikalischer Mitteilungsfreude ungemein sympathisches Duo muss also,
ungeachtet aller genannten und nichtgenannten Vorzüge, sehr wohl um
einen Platz in der weltweiten Klavierduo-Hierarchie streiten. Es muss
sich durchsetzen und im folgenden seinen Platz in einer imaginären, natürlich
von subjektiven Wertungskriterien beeinflussten Rangliste verteidigen.
Haben Eduard und Johannes Kutrowatz in diesem Sinn also herzlich und
besten Gewissens Unruhe gestiftet unter den Altmeistern der mittleren
und jüngeren Generation, so scheint der Impuls der Befruchtung für ein
wunderschönes, aber auch wundersames Metier die noch weit wichtigere
Komponente ihre Erscheinens und ihres Auftretens zu sein. Die beiden gebürtigen
Burgenländer - "beheimatet in der Musik", wie sie schelmisch
verlauten lassen! - sind gleichsam auf leisen pianistischen Sohlen in
den Wettbewerb um Anerkennung eingetreten. Indes mit gestalterischem
Nachdruck und künstlerisch-lebenspraktischer Beharrlichkeit ist es
ihnen schon bald gelungen, sich im wahrsten Sinne des Wortes Gehör zu
verschaffen.
Ein Erster Preis beim italienischen Musikwettbewerb in Stresa wurde in
Fachkreisen wohlwollend aufgenommen, aber die wenigen Klavierwettbewerbe
mit Möglichkeiten für Duo-Allianzen genießen längst nicht jene
publizistische Resonanz wie die großen Solokonkurrenzen, denen
allerdings die Vielzahl an mittleren und kleinen Veranstaltungen dieser
Art inzwischen manches von ihrer elitären Qualität geraubt haben. Wer
sich also in wenigen Jahren als Klavierduo nicht nur einen Namen macht,
sondern diesen Namen auch mit bald seriösen, bald heiteren
Plattenproduktionen, mit originellen Programmideen, mit funkelnder,
dabei stets sachgerechter, sprich: uneitler Brillanz zu verteidigen
versteht, dem dürften die vielbeschworenen Musen - in diesem Fall aus
der Abteilung für zwanzigfingrige Wahrhaftigkeit - ihr Wohlwollen für
eine gedeihliche Zukunft geschenkt haben. Ihre Ausbildung erhielten
Eduard und Johannes Kutrowatz zunächst am Eisenstädter "Joseph
Haydn"-Konservatorium. Naheliegend in doppelter Hinsicht, dass sie
zur Verfeinerung von Technik und zur Erweiterung ihres musikalischen
Horizonts ins benachbarte Wien übersiedelten, um dort an der
Musikhochschule zu studieren. Meisterkurse u.a. bei Karl Ulrich Schnabel
in Freiburg und in Lockenhaus im Rahmen des von Gidon Kremer gegründeten
Kammermusikfestes bei Franz Rupp - dem legendären Klavierpartner des
Geigers Fritz Kreisler! - erweiterten das Erfahrungsspektrum und schufen
die Grundlagen eigenständigen Denkens und Fühlens - also für eine
Individualität, die im engen Schulterschluss des Duospiels so
lebenswichtig ist wie die Luft zum Atmen, wie ein Gläschen Burgenländischen
Weins zur fach- und charaktergerechten Wiedergabe etwa eines
"Ungarischen Tanzes" von Brahms oder eines Johann Strauß-Walzers.
Natürlich bedarf es bei den Kutrowatzens keiner außermusikalischer Anregung in Form von gesellschaftlich legalisierten Drogen, jedoch ihr
beschwingtes, rhythmisch elastisches, bei allem gedanklichen Ernst und
bei aller fingerakrobatischen Zurückhaltung doch ganz eigentümlich
effektvolles Spiel spiegelt auf der akustischen Ebene etwas wider, was
einen sensiblen Hörer an jene Seligkeit des Seins denken lässt, die
man offenbar nur in jenem paradoxen österreichischen Zustand aus
Hellsichtigkeit und Verzauberung, aus Elan und Melancholie erreicht, so
wie ihn die Straußschen Walzer, die "Ungarischen Tänze" von
Brahms und - nicht zu vergessen! - auch die Schubertschen Werke für
Klavier zu vier Händen in vielfältigen Abmischungen als musikalische
Lebensart verkünden. Wenn hier in diesem Kutrowatz-Programm mit
Kompositionen von Franz Schubert, Franz Liszt, Johannes Brahms und
George Gershwin die Kunst, der feine Witz, der sportliche - dabei
niemals mechanistische - Elan zweier Künstler in unterschiedlichsten
Brechungen und Beleuchtungen vorgeführt wird, dann mag man die
gebotenen Köstlichkeiten als Anreiz nehmen, sich auf das literarisch
bereits erheblich umfangreiche Wirken dieses Duos einzulassen.
Eduard und Johannes Kutrowatz haben in ihren sechs bisher erschienenen
Organum-Einspielungen nicht nur Sinn und Gemüt bewiesen, sich den schönen,
den attraktiven Passagen der Duo-Weltliteratur anzuvertrauen, sie
zeigten dabei stets auch philologische Umsicht, ja mehr noch: sie
beharrten darauf, ihrem Klavierspiel auch eine Dimension literarischer
Unterweisung zu verleihen. Nicht unerheblich nämlich sind die
Anstrengungen, sich nicht nur mit Franz Liszts beliebter
"Ungarischer Rhapsodie" Nr.2 die Zuneigung eines
CD-Auditoriums oder eines Live-Publikums zu sichern, sondern in Liszts
reicher transkriptorischer Hinterlassenschaft etwa seiner sinfonischen
Dichtungen zu recherchieren. Eine der wohl wirkungsvollsten - "Mazeppa"
- ist in der hier vorliegenden Werkfolge dokumentiert. Ein wildbewegtes,
blutrünstiges Stück mit exzessiven pianistischen Problemstellungen,
die durchaus mit den sprungkombinatorischen Schikanen jener thematisch
verwandten Version konkurrieren können, die Liszt den Klaviersolisten
in Form einer seiner schonungslosesten Etüden hinterlassen hat. Hier
wie in den vier ausgewählten "Ungarischen Tänzen" von Brahms
- jeweils eine Nummer aus den vier von Brahms bezeichneten
"Heften" - zeigen Eduard und Johannes Kutrowatz, wie elegant
und dennoch sinnstiftend, wie forsch und dennoch human sich eine
hochdramatische Geschichte wie "Mazeppa" oder die ungarischen
Tanzdramulette im Sinne Brahmsischer Zigeunerverklärung pianistisch
inszenieren, genauer aber: musizierend nacherzählen lassen. Eines der
Hauptwerke für Klavierduo ist Franz Schuberts Fantasie in f-Moll. Sie
steht im Zentrum jener zwei CDs, die von den Kutrowatzens dem Schaffen
Schuberts gewidmet worden sind.
Anhand ihrer melodischen und rhythmischen Feinjustierung in der leise
puslsierenden Eröffnung mag der Hörer sich vor Augen und Ohren führen,
dass es im weiten Feld der Instrumentalmusik - bis auf wenige perkussive
Ausnahmen - nur einem Pianistenduo gegeben ist, an einem
Instrument, also auf einem Resonanzkörper gleichzeitig ihre
musikalischen Vorstellungen aufeinander abzustimmen und zu
verwirklichen. Im Verlauf der f-Moll-Fantasie erfahren die beiden
Spieler - und von ihnen geleitet ein wachsamer Hörer - wie
Vorstellungen und Augenblicksentscheidungen zu einem akustischen,
klangphilosophischen Ganzen zusammenwachsen, wie die bekanntermaßen leidigen Platzprobleme an der Tastatur bewältigt werden können und in
einem geradezu mysteriösen Prozess des Anschmiegens, der pantomimischen
Synchronisation zu einer gemeinsamen "Aussage" führen. Das
Unabänderliche, hier wird es nicht nur Ereignis, hier eröffnet es auch
ungeahnte Freiräume der individuellen und zugleich streng fusionierten
Entfaltung.
Im Repertoire des Duos Eduard und Johannes Kutrowatz findet man die Märsche,
die Divertissements, die Rondos und Polonaisen Franz Schuberts. Und
selbstverständlich gehören die großen Brahms-Stücke für zwei
Klaviere (Sonate in f-Moll, Haydn-Variationen) und sämtliche
"Ungarische Tänze" zum Repertoire. Indes beweisen der
Organum-Katalog und Nachrichten über jüngste, bzw. kommende
Konzertinitiativen der beiden Musiker - die, nebenbei bemerkt, auch
solistisch aktiv sind - ein gehöriges Interesse an selten gespielten
Werken und an echten Raritäten, wobei es sich um Originalkompositionen
ebenso wie um Bearbeitungen handeln kann. Dies gilt für eine
Duo-Fassung des "Deutschen Requiems" von Brahms, es gilt für
die bereits erwähnte Liszt-Auswahl mit "Sinfonischen
Dichtungen", es gilt für eine zwischen Ernst und Amüsement
vermittelnde Auswahl aus Straußischen Walzern und Polkas - und es gilt
auf ganz spezielle Weise auch für jene Gershwin/Brubeck-Zusammenstellung,
aus deren Original- und Arrangementfülle hier die berühmte "Rhapsody
in Blue" zu hören ist. Eduard und Johannes Kutrowatz entwickeln
Rasanz und rhythmische Impulsivität dieses amerikanischen Nationalepos'
aus dem Leisen heraus. Sie wissen um die Wirkung indirekter Rede und
Beleuchtung. Sie charakterisieren diese Musik aus der Perspektive von
Europäern, die sich ihrer Weis(s)heit bewusst sind, aber ein Faible für
die schwarzen Elemente von Gershwins schwarz/weißer Musik entdeckt
haben. Eine Aufnahme, die hoffen lässt, von den Kutrowatzen irgendwann
einmal auch die "Sinfonischen Tänze" aus Leonard Bernsteins
"West Side Story" zu erleben.
Peter Cossé | |

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